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16/01/2014

Arbeitsminister kritisiert „unternehmerische Fehlleistung“

NRW-Arbeitsminister Guntram Schneider (SPD) hat der Glunz AG im lippischen Horn-Bad Meinberg „eine unternehmerischen Fehlleistung“ vorgeworfen. Das Unternehmen verpasse „eine Chance, Geld zu verdienen“, sagte Schneider gestern in der Horner Burg. Die Glunz-Tochter GHP (ehemals Hornitex) will in ihrem Spanplattenwerk 250 Beschäftigte entlassen.

Guntram Schneider appellierte an die Geschäftsführung des Spanplattenherstellers, der zum portugiesischen Konzern Sonae Industria gehört, mit dem Betriebsrat, der IG Metall und der Politik zu beraten, wie die 250 Arbeitsplätze und der Standort erhalten werden können.

Bislang zeigt sich die Geschäftsführung unnachgiebig. Sollten von den 600 Beschäftigten 250 entlassen werden, verblieben in der Produktion noch 100 Arbeitsplätze. Zu wenig, um weiter Spanplatten herstellen zu können, befürchtet der Betriebsrat. Das wäre ein Sterben auf Raten, das Ende des Traditionsunternehmens. Seit Sonae Industria die Firma 2006 kaufte, sind über 200 Arbeitsplätze abgebaut worden.

Die Politik setzt darauf, dass ihre Kritik bis zur Unternehmensspitze vordringt. Letztlich werden in der portugiesischen Firmenzentrale die strategischen Entscheidungen getroffen. Schneider kündigte an, sich gemeinsam mit NRW-Wirtschaftsminister Garrelt Duin (SPD) an die Konzernspitze zu wenden und diese zu Gesprächen aufzufordern.

Politik hilft nur, wenn Glunz ein Zukunftskonzept vorlegt

Wer von der Landesregierung eine kurzfristige Finanzspritze erwartet hatte, wurde beim Solidaritätsbesuch des Arbeitsministers enttäuscht. „Das Land kann sich nicht in unternehmerische Entscheidungen einmischen“, erklärte Schneider, „wir können aber Hilfe leisten, wenn es darum geht, die Zukunft zu gestalten. Gäbe es ein tragfähiges Zukunftskonzept, kann es eine Landesbürgschaft geben.“ Die beträgt bis 80 Prozent eines Bankkredits. Denkbar wären auch Investitionszuschüsse, sagte der Arbeitsminister.

Horn-Bad Meinbergs Bürgermeister Eberhard Block wies auf die dramatische Situation der Stadt mit 18.000 Einwohnern hin: Die Zahl der sozialversicherten Arbeitsplätze verringerte sich seit Mitte der 1990er Jahre von 6000 auf 2600. Schuld daran ist zum einen der massive Stellenabbau bei Hornitex/Glunz, Mitte der 1990er Jahre arbeiteten im Werk noch 1700 Menschen, zum anderen der Niedergang des Kurbetriebs in Bad Meinberg. Wer durch die Stadt geht, sieht viele leere Geschäfte. Nur die Discounter in der Bahnhofstraße haben noch Konjunktur. Die Menschen finden vor Ort keine Arbeit mehr.

Kleinstadt mit großen Strukturproblemen

„Sozialpläne ersetzen keine Arbeitsplätze“, sagt Svend Newger von der IG Metall Detmold. „Wir brauchen Alternativen, um die Arbeitsplätze und den Standort zu erhalten“.

Das Blockheizkraftwerk mit Kraftwärmekoppelung, modern, die Spannplattenproduktion und auch die umliegenden Städte und Gemeinden mit Strom versorgend, könnte ein Ansatz sein. Andreas Schubert, Betriebsratsvorsitzender der Glunz-Tochter Tool, erklärt, wie schnell wieder eine größere Fertigungstiefe erreicht werden könnte, die auch Profit bringe: „Früher hatten wir eine ganze Reihe veredelter Spanplattenprodukte im Markt. Das Wissen ist bei unseren qualifizierten Kollegen noch da, die Anlagen könnten mit geringen Kosten umgerüstet werden“.

Die Politik war der Firma stets zu Diensten, doch gedankt hat sie es ihr nicht. So berichtete Bürgermeister Eberhard Block, dass man einen Naturpark im benachbarten Teutoburger Wald abgelehnt habe, weil Glunz das so wünschte. Die Firma wollte sich den Zugang zum Wald und zu den Rohstoffen sichern.

Konzernspitze gegen Standort: Abwickeln statt investieren

Auch die Beschäftigten halfen. Sie ermöglichten den Neustart des Unternehmens nach der Insolvenz 2006 durch Lohnverzicht und unbezahlte Arbeitszeit. Die Zuversicht war damals groß. Glunz hatte eigene Baumärkte, die die Spanplatten hätten verkaufen können, zudem wollte das Unternehmen in der Möbelindustrie Fuß fassen. Doch 2008 wechselte der Vorstand der Sonae Industria. Statt zu investieren wurde abgewickelt.

Die Geschäftsführung von Glunz hat per Einstweiliger Verfügung gegen den Betriebsrat ein Einigungsstellenverfahren in Sachen Interessenausgleich und Sozialplan durchgesetzt, das Entlassungen wahrscheinlich macht. Es findet am 27. Januar statt. Für den 31. Januar steht zudem ein Vermittlungsgespräch an, moderiert von der Arbeitsagentur. Das Vermittlungsgespräch hatten IG Metall und Betriebsrat bereits für Dezember vorgeschlagen, doch die Geschäftsführung gab damals bekannt, keinen freien Termin zu finden.

Die Belegschaft bleibt realistisch. Sie weiß, dass die Lage schlecht ist. Und steht zusammen.

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