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12/01/2015

„Wir müssen Gesicht zeigen gegen Rechtspopulisten“

Mehrere tausend Menschen haben heute Abend vor dem DGB-Haus in Düsseldorf gegen den Pegida-Ableger Dügida demonstriert. Für die DGB-Gewerkschaften sprach der IG Metall-Bevollmächtigte Nihat Öztürk. In einer großartigen Rede rief er dazu auf, „Gesicht zu zeigen gegen Rechtspopulisten und religiöse Fundamentalisten“.

Die Polizei hat die Innenstadt großräumig abgesperrt. Auf die erste Sperre stoßen Fotograf und Reporter schon einen Kilometer vor dem DGB-Haus. Das Auto bleibt stehen, wir schlagen uns zu Fuß durch, kommen mit Verspätung an. Es ist 18:30 Uhr. Vor dem DGB-Haus ist die Friedrich-Ebert-Straße auf einer Breite von schätzungsweise 200 Metern voller Menschen (Foto 1). Sie stehen dicht gedrängt. Hier leidet niemand unter Klaustrophobie – er würde in Panik ausbrechen.

„Wir sind Düsseldorf!“ ruft eine Frauenstimme durch die Lautsprecher. Es ist die Landtagspräsidentin Carina Gödecke (SPD). Sie steht auf der hell erleuchteten Bühne, der Ladefläche eines Transporters. Gödecke betont das Wörtchen „wir“ – eine Anspielung auf „Düsseldorf gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (Dügida), die sich vorgenommen hat, bis 27. April jeden Montag in der Landeshauptstadt zu demonstrieren.

An der Fassade des DGB-Hauses hängen Transparente: „Gegen die Verdummung des Abendlandes“ steht auf einem, auf einem anderen „Der Fuchs ist schlau und stellt sich dumm, beim Nazi ist es andersrum“.

Ankläger, Richter und Henker in einer Person

Oberbürgermeister Thomas Geisel (SPD) ist glücklich. Sichtlich erleichtert und froh teilt er mit, dass das Oberverwaltungsgericht Münster ihm vor wenigen Minuten erlaubt hat, öffentliche Gebäude zu verdunkeln. Dügida hatte gegen die Licht-aus-Aktion geklagt und in erster Instanz gewonnen.

Nihat Öztürk spricht (Foto 5); auf ihn haben sich die DGB-Gewerkschaften verständigt. Der 59-Jährige ist selbst Migrant, stammt aus einer muslimischen Familie, kam mit 18 Jahren als Gastarbeiter aus der Türkei in die Bundesrepublik.

Der Metaller spricht „den barbarischen Anschlag“ gegen das Pariser Satire-Magazin „Charlie Hebdo“ an. Die Tat der religiösen Fanatiker sei unfassbar, nämlich sich „als Ankläger, Richter und Henker in einer Person zu gebärden“, sagt Öztürk. Auch wenn sich „diese Barbaren“ auf den Propheten Mohammed beriefen, müssten sich Muslime jetzt weder rechtfertigen noch erklären: „Im Rechtsstaat gibt es weder Kollektivschuld noch Sippenhaft.“ Andererseits, so Öztürk, sei es „die Pflicht“ der Muslime, „den Islamismus zu bekämpfen“.

"Wir reden nicht mit Faschisten"

Dann dieser Satz: „Wer heute in Deutschland vor ‚Islamisierung des Abendlandes‘ warnt, unterscheidet sich kaum von Antisemiten, die in der Weimarer Republik vor einer ‚Verjudung‘ Deutschlands warnten!“

Muss man mit Pegida reden, fragt Öztürk. Seine Antwort: Wer die – berechtigte – Angst vor Arbeitslosigkeit, sozialem Abstieg und Armut missbrauche, um religiöse Minderheiten auszugrenzen und Flüchtlinge zu diskriminieren, der habe eine faschistoide Einstellung. Faschismus sei jedoch keine Meinung, sondern ein Verbrechen – „und mit Faschisten reden wir nicht!“

Er mache sich keine Gedanken um die Ängste von Hasspredigern, „sondern um die Ängste von Flüchtlingen, die Terror und Krieg entkommen sind.“ Öztürk nimmt seine Zuhörer und Zuhörerinnen in die Pflicht: „Wir haben Verantwortung zu übernehmen“, sagt er, alle müssten jetzt „Gesicht zeigen gegen Rechtspopulisten und Fundamentalisten“. Laut Polizei tun das in diesem Moment 5500 Menschen. Vor dem Hauptbahnhof, vielleicht 150 Meter vom DGB-Haus entfernt, schwenken 300 Dügida-Anhänger Deutschlandfahnen (Foto 9).

Auf einem IG Metall-Transparent steht nur „Bundesrepublik Deutschland“ – in bunten Großbuchstaben; auf einem anderen „Refugees are welcome“ (Flüchtlinge sind willkommen).

Der DGB-Vorsitzende von NRW, Andreas Meyer-Lauber, hofft, dass den Rechten der Spaß vergangen ist, Muslime zu verteufeln. Als Dügida im Dezember 2014 ankündigte, genau das heute zu tun, meldete die Initiative „Düsseldorfer Appell“ eine Gegendemo an. Sigrid Wolff vertritt den DGB in diesem Bündnis von über 50 Organisationen. Sie ist stolz auf die Demo, diesen "Riesenerfolg“. Zu recht.

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