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08/04/2019

"Für mich und meine Kinder"

  • Auf nach Berlin: erste Kick-off-Veranstaltung / 12 Fotos: Thomas Range

„Ohne Plan? Ohne uns!“ Mit diesem Slogan mobilisiert die IG Metall NRW für die Demo am 29. Juni in Berlin. Der erste Kick-off fand in Gladbeck statt.

„Warum sind wir hier? Klar, es gibt Currywurst und Bier“, witzelt der Kölner Kabarettist Fatih Çevikkollu, und gibt sich gleich die – ernstgemeinte – Antwort: „Weil wir Zeugen eine Epochenwandels sind, der nur alle paar hundert Jahre stattfindet, den Wandel vom Industrie- zum digitalen Zeitalter.“ Vor ihm sitzen 190 IG Metall-Mitglieder aus dem Ruhrgebiet sowie Münster und Umgebung.

Diese neue Welt kenne nur zwei Gruppen von Menschen, „die Eingeborenen bis 20 und die Migranten“, die 80 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Den Eingeborenen erklärt Çevikkollu, dass es früher Telefone gab, die man nicht mitnehmen konnte („deshalb ‚Festnetz‘“), und dass „unsere Handys draußen standen, gelb und begehbar waren“. Den Migranten macht der Mittvierziger klar, dass sie alles neu lernen müssen: „Man geht heute einfacher online als aufs Klo.“

Çevikkollu, der erste türkischstämmige Büttenredner im Kölner Karneval, ist ein politischer Kopf. „Schnallen wir, was da passiert?“, fragt er mit Blick auf die Welt von morgen. „Nein!“, antwortet er. Nicht schlimm, denn selbst wenn diese Welt von Maschinen beherrscht würde – „wir haben, was Maschinen nicht haben: Empathie und Solidarität“. Deshalb sei jetzt der Moment, um einzugreifen und eine menschliche Zukunft zu gestalten. „Wir müssen nur aufstehen und allen sagen: ‚Auf nach Berlin, ist wichtig!‘“ Das meinen wohl auch seine Zuhörerinnen und Zuhörer: Viele tragen rote T-Shirts mit der Aufschrift „Stillstand hat noch nie was bewegt.“

200 000 Arbeitsplätze in NRW gefährdet
Per Video erklärt die IG Metall, dass die Energiewende, die Elektromobilität, also der Abschied vom Verbrennungsmotor, und die Digitalisierung in NRW 200 000 Arbeitsplätze gefährden. Damit beginnt der wichtigste Teil der Veranstaltung, das „World-Café“: Je acht Teilnehmer sitzen im Kreis und diskutieren drei Fragen, jeweils 15 Minuten lang. Welche Chancen und Risiken birgt die digitale Transformation für unsere Arbeitsplätze? Was muss im Unternehmen besser werden, damit die Zukunft gut wird? Was muss die Politik tun, damit es keine Verlierer gibt? (Die Antworten werden nach den Kick-Off-Veranstaltungen – es finden noch drei in Bielefeld, Köln und Hagen statt – zusammengefasst und publik gemacht.)

In einer Talkrunde kommen drei Betriebsratsvorsitzende zu Wort. Silke Világosi vom Autofilter-Hersteller Hengst in Münster will, dass die Arbeitgeber stärker in die Verantwortung für ihre Mitarbeiter genommen werden, dafür, „dass niemand hinten runterfällt“; sonst bekämen Populisten wieder Oberwasser. Fredy Biedermann von Thyssen-Krupp Presta in Mülheim – die Firma produziert Lenkungen – fordert „Schluss mit dem Lohndumping in Europa“, das zur Verlagerung tausender Arbeitsplätze nach Osteuropa führe. Und Frank Kirchner von der Essener Gabelstapler-Firma Schrader Industriefahrzeuge plädiert für eine Qualifizierungsoffensive.

Dafür spricht sich auch IG Metall-Bezirksleiter Knut Giesler aus – und merkt an: „Dabei zeigen viele Finger in unsere Richtung.“ Gemeint ist, dass es zwar einen Tarifvertrag Bildung gibt, der aber kaum in Anspruch genommen wird.

Warum Metallerinnen und Metaller sich für eine sichere Zukunft einsetzen – auf diese Frage gibt es wahrscheinlich so viele Antworten wie am 29. Juni Demo-Teilnehmer in Berlin. In Gladbeck sagt einer: „Für mich und meine Kinder, für niemand sonst.“

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