Politik
12/11/2010

"Tote" in der Innenstadt

Mit phantasievollen Aktionen und guter Laune protestierten heute Abend hunderte junge Gewerkschafter aus NRW in Dortmund gegen die Sparpolitik der Bundesregierung. Trotz Regens!

In der Dortmunder Fußgängerzone, vor Galeria Kaufhof, sitzt eine Babypuppe im rosa-weißen Strampler auf dem Pflaster. Neben sich ein Schild: "Dank dem Sparpaket können Mami & Papi sich mich nicht mehr leisten". Jana Schumann, 18, Metallerin aus dem Märkischen Kreis, spricht Passanten an, die sich einen Reim auf Puppe und Schild machen wollen: "Wissen Sie, was alles im Sparpaket steckt?" Hin und wieder lässt sich jemand auf ein Gespräch ein.

Plötzlich ein markerschütternder Schrei. Und ein Dutzend Jugendliche lässt sich auf die Straße fallen - mit weißen, scheinbar blutverschmierten T-Shirts, auf denen "Getroffen vom Sparpaket!" steht. Jemand hält ein Schild mit großen grünen Druckbuchstaben hoch: "Sparpaket nein danke".

Die Truppe zieht weiter, wiederholt diese Flashmob-Aktion im "Saturn". Ein junger Mann, ein Kunde, findet spontan Gefallen daran - und lässt sich auch fallen. Minuten später steht er vor dem IG Metall-Zelt in der Fußgängerzone: "Ich will mich anmelden", sagt er. Gemeint ist: Ich will Mitglied werden. IG Metall-Sekretär Michael Niggemann hat eine Beitrittserklärung zur Hand. Marcel Schmidt, 20, zur Zeit Wehrdienstleistender, unterschreibt.

Einige Jugendliche laufen an den hell erleuchteten Schaufenstern vorbei, kleben sogenannte Static Stics auf die Scheiben - schwarz-gelbe Klebefolien im DIN-A4-Format mit Sprüchen wie "Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Zukunft klaut."

Im Hauptbahnhof sitzen ein paar junge Männer auf Hockern und lesen "Zeitung": zwei aufgeklappte, riesige Pappen, knapp zwei Meter breit und einen hoch. Rene Beckmann, 23, Metaller aus Recklinghausen, deklamiert: "Wir Bürger lassen uns alles gefallen! Schuld sind wenige, zahlen tun wir alle!" Kai-Uwe Bremer, 21, Metaller aus Wuppertal, liest seine Zeitung still - und lässt das Publikum über seine Schultern schauen: "Krisenverursacher machen munter weiter. Bankenmanger und Finanzspekulanten erhalten Boni. Doch der Staat muss sparen. Aber wo? Ist doch klar! Bei Arbeitslosen und Hartz-IV-Empfängern. Die haben's ja, findest du nicht?!"

Währenddessen ziehen fünf Teams von je zehn bis zwanzig Teilnehmern durch die Kneipen der Stadt und verteilen Postkarten an die Gäste: "Gute Ausbildung. Gute Arbeit. Gutes Leben. Wir sind dran!"

Jana Schumann beendet ihre Puppen-Aktion nach einer Stunde. Und schenkt die Puppe einem kleinen Mädchen. Das Kind ist glücklich.

Gegen 21:30 Uhr treffen sich alle Aktivisten, überwiegend Mitglieder der IG Metall, auf dem Friedensplatz; bilden einen Schriftzug, jemand knipst die Platzbeleuchtung aus, alle lassen sogenannte Knicklichter aufleuchten - und zu lesen ist das Wort ZUKUNFT.

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