Betriebe
19/10/2012

Belegschaft eingeschworen: „Wir bleiben!“

Eine Nachricht schlägt Wellen – Wellen der Solidarität: Gestern kündigte der Zughersteller Bombardier an, sein Aachener Werk zu schließen. Prompt kamen heute die Landesminister für Arbeit und Wirtschaft, der Stadtdirektor und die Bürgermeisterin, Müllmänner und Beschäftigte aus anderen Metallbetrieben. Alle erklärten sich mit den 600 Betroffenen solidarisch.

Der Platz vor dem alten, denkmalgeschützten Verwaltungsgebäude von Bombardier an der Jülicher Straße in Aachen – nicht weit von der City entfernt – ist voller Menschen. Die meisten tragen Blaumänner, einige Gruppen sind als Angestellte erkennbar. Auf der Treppe vor der großen Eingangstür steht der Aachener IG Metall-Bevollmächtigte Franz-Peter Beckers, ein Mikro in der Hand: „Kommt näher, wir sind nicht diejenigen, die beißen.“ Alle rücken vor. Und enger zusammen.

Beckers kritisiert die überraschende Entscheidung der Geschäftsleitung, das Aachener Werk zu schließen, als „kaltschnäuzig“. Und der Betriebsratsvorsitzende Josef Kreutz sagt, die Behauptung des Unternehmens, allen Betroffenen werde ein neuer Arbeitsplatz angeboten, sei „kompletter Nonsens“. Der nächstgelegene Bombardier-Standort ist Siegen. Das Aachener Werk, 1838 gegründet, ist das älteste der zehn Bombardier-Werke in Deutschland.

Sondersitzung des Aufsichtsrats beantragt

Der Wirtschaftsausschuss ist über die geplante Betriebsschließung nicht informiert worden, berichtet Josef Kreutz. Der Ausschuss habe die Arbeitgeberseite aufgefordert, am Montag nach Aachen zu kommen. Ob jemand kommt, war heute fraglich. Die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat haben eine Sondersitzung beantragt; ob eine Betriebsschließung zu den zustimmungspflichtigen Geschäften zählt, war heute unklar.

Das Werk ist zu 120 Prozent ausgelastet. „Überstunden wird es nicht mehr geben“, sagt Metaller Beckers. Betriebsrat Kreutz: „Wir machen Dienst nach Vorschrift.“ Er betont aber, die Belegschaft stehe loyal zum Unternehmen. „Ich hoffe, dass in den nächsten Stunden oder Tagen ein kluger Mensch von der Bombardier-Führung auf uns zukommt und sagt, ‚Lasst uns reden!‘“ Der Betriebsratsvorsitzende macht Mut: „Ich glaube fest daran, dass es den Standort Aachen weiter gibt.“

Noch vor ein paar Tagen hat der Verband der Bahnindustrie von steigenden Umsatzerwartungen geschwärmt. Präsident des Verbandes ist Bombardier-Chef Michael Clausecker.

Metaller Beckers lobt die Belegschaft – sie stehe „wie eine Eins, vom Ingenieur bis zur Reinigungskraft“. Das Problem, sagt er, sei nicht der Standort Aachen. „Das Problem ist Bombardier.“

Arbeitsminister Schneider: Schließung wäre Torheit

In dieselbe Kerbe schlägt Arbeitsminister Guntram Schneider (SPD). Der Standort sei leistungsfähig und innovativ, die Belegschaft hoch motiviert und sehr qualifiziert. Eine 174-jährige Firmengeschichte könne man „nicht einfach streichen“. Die Produkte seien konkurrenzfähig, und es wäre „eine Torheit“, das Werk opfern zu wollen. Der Zugverkehr nehme zu, immer mehr Verkehr werde auf die Schiene verlagert. Notwendig sei jetzt „eine Vorwärtsstrategie“. Er warnt vor einer Schließung des Werks, die würde sehr teuer. „Das Geld sollte man besser in Forschung und Entwicklung investieren.“

Stadtdirektor Wolfgang Rombey versichert der Belegschaft: „Rat und Bürger stehen hinter euch!“ Auch Bürgermeisterin Heide Scheidt kann sich die Stadt ohne Bombardier nicht vorstellen: „Bombardier gehört zu Aachen wie die Printen.“

Die Gewerkschaft der Polizei schenkt der Belegschaft einen Teddy-Schutzmann. Um zwölf Uhr wird die Betriebsversammlung für zwei Stunden unterbrochen. Zehn Müllwagen fahren – hupend und mit Blinklicht – im Konvoi an der Firma vorbei.

Wirtschaftsminister Duin: Nichts spricht für Schließung

Wirtschaftsminister Garrelt Duin (SPD) berichtet der Belegschaft, er habe mit der Geschäftsleitung telefoniert. Und nichts erfahren, „was dafür spricht, den Standort zu schließen“. Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) werde mit der Konzernzentrale in Montreal sprechen, kündigt Duin an. Die SPD-Bundestagsabgeordnete Ulla Schmidt, die sich schon mehrfach für die Belegschaft eingesetzt hat, fühlt sich von Bombardier „belogen und betrogen“. Dass die Firmenleitung den Standort kaputt machen wolle, „geht einem ans Herz“.

Gegen 15:30 Uhr unterbricht Betriebsratsvorsitzender Josef Kreutz die Betriebsversammlung erneut. „Wir schließen sie erst, wenn wir mit Erfolg hier rausgehen!“ Metaller Franz-Peter Beckers: „Wir lassen uns nicht einfach zur Schlachtbank führen – wir bleiben!“

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