Betriebe
11/11/2012

Solidarität kennt keine Jahreszeit

Mehr als 550 IG Metall-Mitglieder aus Köln nahmen heute im belgischen Genk am „Mars voor de Toekomst“ („Marsch für die Zukunft“) teil. Das Ford-Werk Genk soll Ende 2014 geschlossen werden. Betroffen sind 4300 Beschäftigte direkt und 5000 in Zulieferbetrieben.

Um 11 Uhr 11, als in Köln die fünfte Jahreszeit – der Karneval – ausgerufen wird, passieren neun deutsche Reisebusse die belgische Grenze. 550 Metaller, hauptsächlich Ford-Werker, sind auf dem Weg nach Genk in Flandern (einige reisen per Bahn und Auto). Nach anderthalb Stunden und 128 Kilometern erreichen wir die 65.000-Einwohner-Stadt.

Die Sonne scheint, wärmt sogar. Am blauen Himmel ziehen Wattewolken vorüber. Viele Demonstranten tragen rote, blaue und grüne Jacken, Kappen und Luftballons – in Belgien gibt es fünf Metallgewerkschaften. Einige Demonstranten tragen schwarze Armbinden mit weißer Aufschrift: „Jobs“.

Ford ist der größte Arbeitgeber hier. Seit 1964 lässt der US-Konzern in Genk Autos bauen. Nach 50 Jahren soll 2014 Schluss sein. Die Modelle Mondeo, S-Max und Galaxy sollen künftig in Spanien produziert werden, die dortige Fertigung des C-Max und Grand C-Max soll nach Saarlouis verlagert werden.

Zwei Kilometer ist der „Mars voor de Toekomst“ weit. Die Kölner haben sich hinten eingereiht. Ziel ist das ehemalige Zechengelände; heute ist das Bergwerk ein Industriemuseum, der riesige Förderturm weithin sichtbar. Der Platz vor der Bühne füllt sich. 15.000 Menschen sind gekommen.

Deutsche herzlich begrüßt

Der Moderator begrüßt die Kolleginnen und Kollegen aus Deutschland - großes Hallo. Witich Roßmann, der IG Metall-Bevollmächtigte von Köln-Leverkusen, überbringt auf Englisch die solidarischen Grüße der Kölner Ford-Werker - lautstarker Applaus. Roßmann kritisiert das Ford-Management dafür, dass es eine Betriebsvereinbarung nicht einhalten will, wonach in Genk drei neue Modelle produziert werden sollen. Für dieses Versprechen hat die Belegschaft auf Teile ihres Lohns verzichtet – umsonst.

Sprecher der christlichen, sozialistischen und liberalen Gewerkschaften sagen, „die kaltblütige Ankündigung“, Ford Genk zu schließen, habe „das ganze Land erschüttert“. Die Betroffenen seien „Schlachtopfer“. Für die Familien „brechen jetzt harte Zeiten an“. Niemand macht Mut, niemand verbreitet Hoffnung.

Die Verhandlung über die Werksschließung beginnen in den nächsten Tagen. Am Verhandlungstisch sitzen – neben Ford, dem Betriebsrat und den Gewerkschaften – auch Vertreter des Staates, das ist in Belgien üblich. Auf meine Frage, ob die Verhandlung ergebnisoffen sei, antwortet der Euro-Betriebsratsvorsitzende Dieter Hinkelmann: „Für das Unternehmen sicher nicht!“ Ulrich Eckelmann, der Generalsekretär des europäischen Industriegewerkschaftsbundes Industriall, befürchtet, dass in Genk und Umgebung die industrielle Basis wegbricht. Die IG Metall, betont Witich Roßmann im Gespräch, setze sich für den Erhalt von Ford Genk ein.

Auf der Bühne stehen Kinder. Ein Mädchen erzählt, dass ihr Vater Tränen in den Augen hatte, als er am 24. Oktober die Hiobsbotschaft von der Werksschließung erfuhr. „Ich habe Papa noch nie weinen gesehen.“

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