Betriebe
29/05/2013

Chef bot der Belegschaft seine Firma zur Pacht an

Die in aller Öffentlichkeit geführte, wochenlange Tarifauseinandersetzung im Wittener Eisenwerk Böhmer ist beendet. Die IG Metall Witten und die Geschäftsführung des Familienunternehmens einigten sich heute auf einen neuen, kreativ gestalteten Haustarifvertrag. Die IG Metall-Mitglieder bei Böhmer haben dem Vertrag bereits zugestimmt.

Danach gibt es in jeder Entgeltgruppe (EG) ab Juni 50 Euro mehr. Das bedeutet umgerechnet für die EG 1 eine Tariferhöhung von 2,6 Prozent und für die EG 8 eine Erhöhung von 2,2 Prozent. Bis zur EG 13 verringert sich die Tariferhöhung auf 1,2 Prozent. Für IG Metall-Sekretär und Verhandlungsführer Lars Beez steckt in dieser Tariferhöhung "eine Art Mitgliederbonus": "Das Gros unserer Mitglieder bei Böhmer arbeitet in den Entgeltgruppen 1 bis 8".

Das Unternehmen steckt zurzeit in wirtschaftlichen Schwierigkeiten, ab Juni gibt es Kurzarbeit. Sobald die Firma eine schwarze Null schreibt, womöglich zum Jahresende, ist eine weitere Tariferhöhung von 1,5 Prozent fällig. Sollte der Gewinn sogar auf 250.000 Euro steigen, müssen zwei Prozent mehr Geld in die Lohntüte.

Die Auszubildenden erhalten 30 Euro mehr im Monat. Der neue Tarifvertrag hat eine Laufzeit von zwölf Monaten, er gilt bis 31. Mai 2014.

"Eine geile Nummer"

Betriebsratsvorsitzender Carsten Ikonomidis ist hoch zufrieden: Der neue Vertrag sei "eine geile Nummer", das Maximum dessen, was herauszuholen gewesen sei. Zustande gekommen sei dieses Ergebnis "nur, weil wir zusammengehalten haben". Mehr als drei Viertel der 220 Beschäftigten im Eisenwerk sind Mitglied der IG Metall.

Der hohe gewerkschaftliche Organisationsgrad ist eine Voraussetzung für den Erfolg, aber nicht die einzige. Die IG Metall Witten hat während der Tarifauseinandersetzung die Belegschaft mobilisiert und die Öffentlichkeit über jeden Schritt informiert. Es begann mit einer "Kaffeeverteilaktion" und der Frage "Hasse auch den Kaffee auf?" Denn die Firmenleitung wollte sich erst einmal auf keine Tarifverhandlungen einlassen - erst in sechs Monaten.

Vor der Firma stand plötzlich auf einem Anhänger eine Schaufensterpuppe mit IG Metall-Kappe, roter Fahne und einem Spruch auf dem T-Shirt: "Chef, wir wolln mehr Kohle sehn...sonst bleibt bei Böhmer alles stehn". Autofahrer bremsten vor der Puppe, hielten an und fotografierten sie.

Auch in der Firma liefen Beschäftigte mit einem T-Shirt und der "Kohle"-Forderung herum. Den Senior-Chef empörte das, er beschimpfte sie als "Penner". Und die IG Metall gab das sofort an die Presse weiter: "IG Metall-Mitglieder übel von Senior-Chef beleidigt!" Die WAZ kommentierte, Böhmer senior spare zwar "beim Geld, nicht aber mit persönlichen Beleidigungen". Was normalerweise unbeobachtet hinter Werksmauern geschieht, war plötzlich öffentlich.

Böhmer junior war schließlich so entnervt, dass er der Belegschaft - wohl im Scherz, aber schriftlich - anbot, seine Firma zu übernehmen: für einen "monatlichen Pachtzins von 50.000 Euro". Auf den heutigen Mitgliederversammlungen der IG Metall in der Gaststätten "Zum Scheunentor" schüttelten manche ungläubig den Kopf, andere lachten schallend.

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