Betriebe
22/09/2014

IG Metall will „Dammbruch“ mit aller Macht verhindern

Die Daimler AG will erstmals zu Lasten deutscher Beschäftigter ein Werk im Ausland bauen. Geplant ist, den Kastenwagen Sprinter für den nordamerikanischen Markt künftig auch dort zu produzieren. Betroffen wäre das Düsseldorfer Werk, dort würden bis zu 1800 Arbeitsplätze überflüssig. IG Metall und Betriebsrat wollen das verhindern.

Im Seminarraum 1/2 des Düsseldorfer Gewerkschaftshauses drängen sich 18 Journalisten und Fotografen, vertreten sind Bild, Express, lokale und überregionale Zeitungen sowie der WDR. „Daimler-Werk in Düsseldorf in Gefahr“ steht auf der Einladung der IG Metall Düsseldorf-Neuss zur Pressekonferenz. An der Stirnseite der langen Tischreihe sitzen der 1. und 2. Bevollmächtigte, Nihat Öztürk und Volker Consoir, der Betriebsratsvorsitzender von Daimler Thomas Weilbier und sein Stellvertreter Helmut Bauer, sowie der Sprecher der IG Metall-Vertrauensleute bei Daimler, Bernd Kost. Das Sprinter-Werk im Stadtteil Rath ist der mit Abstand größte Industriebetrieb in der Landeshauptstadt von NRW.

Die Brisanz: Kein Autobauer in Deutschland kann sich mehr sicher fühlen

Das allein macht aber nicht die Brisanz der Geschichte aus: Mit den in Düsseldorf erarbeiteten Gewinnen solle ein Drittel der Düsseldorfer Arbeitsplätze vernichtet werden, sagt Nihat Öztürk. Das wäre eine „Zäsur“, das käme einem „Dammbruch“ gleich. Sollte das geschehen, wären „alle Autobauer hierzulande nicht mehr sicher“. Bisher habe ein Konsens bestanden zwischen Daimler und IG Metall; er laute: Internationalisierung ja, aber nicht zu Lasten deutscher Standorte. Dieser Konsens drohe jetzt aufgekündigt zu werden.

Sollte es dazu kommen, kündigt Vertrauensmann Bernd Kost Aktionen an, „die Düsseldorf noch nicht gesehen hat“. Die geplante Reduzierung der Produktion um ein Drittel könne der Anfang vom Ende sein, befürchtet er. Womöglich sei das Werk dann nicht mehr wirtschaftlich, und der Druck auf Löhne und Gehälter würde steigen. Kost nennt es einen „Skandal“, dass der „Vorzeigekonzern“ Daimler „uns das eigene Grab schaufeln lassen will“.

Ihr Engagement wird den Düsseldorfern zum Verhängnis

Empört äußert sich auch der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Helmut Bauer. Immer habe für die Belegschaft der Spruch gegolten, „wir bauen jedes Auto, bevor’s ein anderer tut“. Und genau dieses Engagement solle der Belegschaft jetzt zum Verhängnis werden.

An der Rather Straße fertigen rund 6500 Beschäftigte täglich 725 Transporter, in diesem Jahr werden es insgesamt 170.000 sein, sagt Betriebsratschef Weilbier. 26.000 Wagen seien für die USA bestimmt. Ja, die Logistik sei aufwendig und teuer. Denn um die Einfuhrzölle von 25 Prozent zu umgehen, werde der Sprinter erst gebaut, dann zerlegt, verschifft und jenseits des großen Teichs wieder zusammengebaut. Trotzdem sei der Sprinter „die Nummer eins auf dem Markt“. Und künftig könne sich Daimler die teure Logistik vielleicht sogar sparen, wenn nämlich das Freihandelsabkommen TTIP (Transatlantic Trade and Investment Partnership) in Kraft trete.

Düsseldorfer Beschäftigte sind "heiß wie Frittenfett"

Die Stimmung auf der mit sechs Stunden längsten Betriebsversammlung am 19. September sei „hitzig“ gewesen, sagt IG Metall-Sekretär Volker Consoir, der den Daimler-Betriebsrat unterstützt. Vertrauensmann Kost drückt es drastisch aus: „Die Kollegen sind heiß wie Frittenfett.“

Die Beteuerung der Geschäftsleitung, auf betriebsbedingte Kündigungen zu verzichten, nennt Thomas Weilbier „ein Lippenbekenntnis“. Dieser Schutz gelte nur bis Ende 2016. Nicht darüber hinaus; also dann nicht, wenn Daimler seine Pläne in die Tat umsetzen will.

Noch setzen IG Metall und Betriebsrat auf Gespräche. Mithilfe von Gesamtbetriebsrat und Aufsichtsrat wollen sie verhindern, dass der Konzernvorstand am 21. Oktober eine verhängnisvolle Entscheidung fälle. „Die Düsseldorfer Belegschaft“, sagt der erste Metaller vor Ort, Nihat Öztürk, „ist kampferprobt und hervorragend organisiert.“

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