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08/10/2015

NRW-Minister will Glas geben

Industrie 4.0 vorantreiben: NRW-Wirtschaftsminister Garrelt Duin (SPD) will vorrangig die Gewerbegebiete mit Glasfasernetzen ausstatten.

Duin sagte das auf einer gemeinsamen Konferenz von IG Metall und Metall NRW zu Industrie und Arbeit 4.0 heute in Düsseldorf. Die 3000 Gewerbegebiete in NRW sollten „klar Priorität“ haben, wenn in diesem Monat mit der Bundesregierung das Förderprogramm zum Ausbau des Glasfasernetzes beschlossen werde. Die Landesregierung wolle das beste Netz, „Glasfaser muss sein“, sagte Duin.

Per Glasfaserkabel lassen sich größere Datenmengen schneller verschicken als per Kupferkabel. Arndt Kirchhoff (2. Foto), der Präsident der Metall-Arbeitgeber, hält eine Netzleistung von 5 GBit/s für erforderlich. Die rot-grüne Koalition in Düsseldorf will bis 2018 alle Regionen mit einer Netzleistung von 50 Mbit/s - also nur einem Zehntel - ausstatten. Daran halte man fest, sagte Duin, wolle aber die Glasfaserverkabelung fördern, vorrangig in Gewerbegebieten.

Bundesweit erste Veranstaltung der Metall-Sozialpartner

IG Metall und Metall NRW appellierten an die Landesregierung, „mit Hochdruck“ die Infrastruktur für die Digitalisierung der Arbeitswelt zu schaffen, eine flächendeckende Breitbandversorgung. An der bundesweit ersten Veranstaltung der Metall-Sozialpartner zu Industrie 4.0  nahmen fast 300 Teilnehmer aus Unternehmensleitungen und Betriebsräten teil.

IG Metall-Bezirksleiter Knut Giesler (3. Foto) sagte: „Gewerkschafter und Arbeitgeber ziehen bei diesem Thema an einem Strang – und das ist keine Selbstverständlichkeit.“ Die im Juni veröffentlichte Erklärung beider Organisationen zu Industrie und Arbeit 4.0 sei „eine Blaupause für den Rest Deutschlands“. Wie Arndt Kirchhoff drückte Knut Giesler aufs Tempo: Betriebe, die sich jetzt nicht in Richtung Industrie 4.0 aufmachten, seien „in zehn Jahren nicht mehr da“ - und mit ihnen die Arbeitsplätze.

Der neue Arbeitsminister Rainer Schmeltzer (5. Foto), seit einer Woche im Amt, zuvor stellvertretender Vorsitzender der SPD-Landtagsfraktion, verspricht sich von der Digitalisierung der Arbeitswelt „einen Quantensprung in der wirtschaftlichen Entwicklung“. Industrie 4.0 seit „kein Automatismus“, sondern „politisch gestaltbar“.

Firma und Belegschaft müssen profitieren

Wie das gehen kann, beweisen die Betriebsparteien von Phoenix Contact, einem weltweit tätigen Unternehmen für Automatisierungstechnik (14 000 Beschäftigte) mit Sitz in Blomberg/Ostwestfalen-Lippe. Auf Initiative des Betriebsrats arbeiten Belegschaft, Betriebsrat und Geschäftsleitung gemeinsam an der neuen industriellen Revolution. Das Signal an die Belegschaft sei: „Ihr werdet mitgenommen“, sagte die Betriebsratsvorsitzende Uta Reinhard (7. Foto). Zwar seien Arbeitsplätze weggefallen, aber auch neue geschaffen worden. Personal-Geschäftsführer Gunter Olesch sagte, Industrie 4.0 müsse für das Unternehmen und die Mitarbeiter „einen Mehrwert“ schaffen; sonst könne man „nicht gemeinsam erfolgreich“ sein. Roman Dumitrescu, Geschäftsführer des it’s OWL-Clustermanagements, unterstützte das: „Es wäre falsch zu sagen, ‚wir machen erstmal die Technik und holen dann die Beschäftigten rein‘.“

„Jede Menge Konfliktpotenzial“

Was bedeutet Industrie 4.0 für die Tarifpolitik? Sie müsse auch für die Digitalisierung der Arbeit Rahmenbedingungen schaffen, sagte Luitwin Mahlmann (9. Foto), Hauptgeschäftsführer von Metall NRW, und darin stecke „jede Menge Konfliktpotenzial“. IG Metall-Tarifsekretär Richard Rohnert (10. Foto) verwies auf mehrere Tarifverträge, mit denen Arbeit 4.0 ansatzweise geregelt werden könne: das Entgeltrahmenabkommen (Era) mit den Instrumenten Leistungsentgelt und Zielvereinbarung sowie der Tarifvertrag Bildung, denn Qualifizierung sei Voraussetzung für Innovation. Eine große Rolle spiele die Arbeitszeit. Die IG Metall werde deshalb nach ihrem Gewerkschaftstag eine auf drei Jahre angelegte Arbeitszeit-Kampagne starten. Die Unternehmen verlangten von ihren Mitarbeitern mehr Flexibilität und die Beschäftigten im Gegenzug mehr Zeitsouveränität. „Beides müssen wir neu austarieren.“

„Ganz vorne ist immer Platz“

Erhellendes zu Industrie 4.0 lieferte Sebastian Schlund (11. Foto) vom Stuttgarter Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO). Industrie 4.0 biete die Möglichkeit, maßgeschneiderte Produkte unter den Bedingungen der Massenproduktion herzustellen: schnell und kostengünstig. Bei Industrie 4.0 gehe es nicht um die Entwicklung einer neuer Technik, sondern „um Anwendung und Problemlösung“, sie sei weder Selbstzweck noch Universallösung, sondern müsse „unternehmensspezifisch erarbeitet werden“, sie sei kein fertiges Produkt, sondern „die Aufforderung, disruptiv zu sein“ (Bestehendes aufzulösen).

Der Mensch stehe dabei „im Mittelpunkt, nicht im Weg“. Es gehe darum, intelligenter zu arbeiten. Die Arbeit ändere sich, „sie geht uns aber nicht aus“, sagte Schlund. Ob mehr neue Arbeitsplätze entstehen als alte verschwinden, könne er nicht sagen; ebenso wenig, welche Qualifikationen künftig gefragt sind.
Seine Empfehlungen lauteten: „Die Chancen der Digitalisierung erkennen“, „neue Anwendungen und Geschäftsmodelle entwickeln, „Prozesse ändern, nicht nur Technologien einführen“, „Mitarbeiter einbinden und qualifizieren“ sowie „Erster sein“ – „‘Ganz vorne‘, habe Rennfahrer Michael Schumacher gesagt, „‘ist immer Platz‘.“

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