Leiharbeit
24/02/2011

Stahlarbeiter schicken „Weckruf an die Politik“

Einen "Weckruf an die Politik" starteten um 6 Uhr in Duisburg die IG Metall und 500 Stahlarbeiter. Beim Thema Leiharbeit setze er wenig Hoffnung auf Berlin, so Oliver Burkhard, Chef der IG Metall NRW. In Essen sagte IG Metall-Vize Detlef Wetzel, die Leiharbeit-Lobby habe die Politik zu ihrem Erfüllungsgehilfen gemacht.

Der sieben Meter hohe "Karl", das Maskottchen der IG Metall-Initiative "Gleiche Arbeit – Gleiches Geld" ist von weitem zu sehen. Vor Tor 1 von Thyssen-Krupp an der Kaiser-Wilhelmstraße drängen sich die Menschen, alle warm angezogen. Es schneit. Vor dem Betriebsratsgebäude gibt’s heißen Kaffee und Brötchen mit Frikadellen. Es treffen Delegationen aus dem Duisburger Süden und Norden ein, von Arcelor Mittal, HKM und TKSE, von Eisenbahn + Häfen sowie  Mill-Services & Systems, von Siemens aus Dinslaken und Thyssen-Krupp Stainless aus Krefeld.

Fackeln im Nebel

Zu den dröhnenden Glockenschlägen des Rocksongs "Hells Bells" von AC/DC durchschreiten zehn Stahlarbeiter im silberfarbenen Schmelzermantel ein Tor, an dem ein Transparent hängt mit der Aufschrift "Gleiche Arbeit – Gleiches Geld". Die Männer tragen brennende Pechfackeln und sind von Nebelschwaden eingehüllt: ein farbenprächtiges, imposantes Bild.

"'Gleiche Arbeit – Gleiches Geld', das muss für alle Beschäftigten gelten", ruft Oliver Burkhard in die Mikrofone. Der IG Metall-Bezirksleiter erinnert daran, dass 90 Prozent der Bevölkerung diese Forderung der IG Metall richtig finden. Von 100 Neueinstellungen erfolgten 43 in Leiharbeit, 42 befristet und nur 15 unbefristet, sagte er. Ginge diese Entwicklung so weiter, werde in zehn oder 15 Jahren "unser Arbeitsmarkt in der Mitte glatt zerrissen sein". Dann werde es in vielen Betrieben nur noch eine kleine Gruppe fest Beschäftigter geben. Burkhard: "So weit dürfen wir es nicht kommen lassen."

Mit der Bratwurst zum Tierarzt

Den Unternehmen warf Burkhard vor, die Arbeit mit Leiharbeit billiger machen und das Lohnniveau insgesamt drücken zu wollen. Die schwarz-gelbe Bundesregierung sei von einer fairen Lösung des Problems Leiharbeit meilenweit entfernt. Sie sei vor der Lobby der Leiharbeitsunternehmen eingeknickt. Von ihr erwarte er keine Hilfe – das wäre so, "als würde man mit einer Bratwurst zum Tierarzt gehen und fragen: 'Ist da noch was zu retten?'"

Beim Thema Leiharbeit und prekäre Beschäftigung könnten sich Metaller nur auf sich selbst verlassen, nur auf die eigene Kraft. "Was wir selbst bewegen können, das sollten wir auch bewegen", sagte Burkhard. "Wir haben den Tarifvertrag zur Leiharbeit bei Stahl. Wir haben betriebliche Besser-Vereinbarungen und wir wollen noch viel mehr davon."

"Die längste Auftragsspitze der Welt"

"Die Leiharbeit ersetzt Stammarbeitsplätze", rief der Zweite Vorsitzende der IG Metall, Detlef Wetzel, auf der Kundgebung vor Kennametal Widia an der Hartkortstraße in Essen. Und weiter: "Dass es in den Betrieben dauerhaft Mitarbeiter erster und zweiter Klasse gibt, werden wir nicht zulassen." 200 Zuhörerinnen und Zuhörer applaudierten, unter ihnen auch Beschäftigte umliegender Firmen und Mitglieder anderer DGB-Gewerkschaften.

"Die Arbeitgeber sagen, 'Wir sind nicht böse' – erste Lüge", so Wetzel, "sie wollten Leiharbeit nur, um Auftragsspitzen abzubauen – zweite Lüge." Bei Airbus in Hamburg habe er einen Leiharbeitnehmer kennengelernt, der seit zwölf Jahren bei dem Flugbauer arbeitet. "Das ist die längste Auftragsspitze der Welt", sagte Wetzel.

Die Lobby der Leiharbeit-Unternehmer habe die Politik zum Erfüllungsgehilfen ihrer Interessen gemacht, sagte Wetzel mit Blick auf die Reform des Arbeitsnehmerüberlassungsgesetzes. Der SPD warf er vor, sich "mit dem Krümel des Mindestlohns" abspeisen zu lassen. "7,50 Euro die Stunde – davon kann man nicht leben, keine Familie ernähren. Wir brauchen keinen Mindestlohn, sondern gleichen Lohn für gleiche Arbeit!"

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