NRW
16/01/2014

Ein Kfz-Mechaniker, der nicht lesen kann

Analphabeten – die gibt‘s in unserer Firma nicht, bei uns können alle lesen und schreiben! Wer so denkt, und so denken viele, wurde heute im Düsseldorfer Gewerkschaftshaus eines Besseren belehrt: Das DGB-Bildungswerk stellte sein Projekt „Mento“ vor – Untertitel „Kollegiales Netzwerk für Grundbildung und Alphabetisierung in der Arbeitswelt“.

Die Fakten: Bundesweit sind 7,5 Millionen deutschsprachige Erwachsene „funktionale Analphabeten“. Gemeint sind Menschen, die mit Buchstaben, Wörter und Sätzen „kämpfen“, erklärte Anke Grotlüschen, Professorin an der Uni Hamburg und Autorin der viel beachteten Level-One-Studie (Leo). Danach sind von den 7,5 Millionen Betroffenen 57 Prozent Arbeitnehmer, das heißt jeder siebte. Und das sind nicht nur Arbeitslose, Ungelernte und Leute ohne Berufsabschluss, sondern auch mit Berufsabschluss.

Tim-Thilo Fellmer, 46, zählte bis Anfang 30 dazu. Heute ist er Autor und Verleger, gelernt hat er Kfz-Mechaniker, berichtete er in Düsseldorf. Die Ausbildung habe er geschafft, weil er in der Berufsschule kaum schreiben, sondern hauptsächlich rechnen musste. Und die Prüfungen liefen nach dem Multiple-Choise-Verfahren, bei dem mehrere Antworten vorgegeben und die richtige nur angekreuzt werden muss. Fellmer prägte sich die Schlüsselwörter der korrekten Antwort ein, notfalls half raten. Als Geselle, sagte Fellmer, arbeitete er langsamer als andere, machte mehr Fehler und baute Unfälle, weil er Arbeitsanweisungen und Warnhinweise nicht lesen konnte. Kunden profitieren manchmal davon: Wenn Fellmer einen geleistete Arbeit nicht beschreiben konnte, wurde sie auch nicht in Rechnung gestellt.

Vom Projekt Mento ist der Ex-Analphabet sehr angetan. „Ein betriebliches Netzwerk hätte mir damals sehr geholfen.“ Wer dadurch Lesen und Schreiben lerne, für den „fängt ein neues Leben an“.

Betroffene suchen Mentoren - nicht umgekehrt!

Das vom Bundesbildungsministerium finanzierte Projekt will Belegschaften über das Tabu-Thema Analphabetismus aufklären, es entstigmatisieren sowie den Betroffenen – und den „Mitwissern“ – signalisieren: Ihr seid nicht allein und es gibt Möglichkeiten, euch zu unterstützen. Deshalb sucht Mento auch Interessierte, beispielsweise gewerkschaftliche Vertrauensleute und Betriebsräte, die sich zu Mentoren und Lernberatern ausbilden lassen wollen, erklärten die Projektkoordinatoren Arne Winkelmann und Susan Paeschke. Aufgabe der Mentoren sei es aber nicht, Betroffene aufzuspüren. Sie sollen vielmehr umgekehrt vorgehen: Sich als Mentoren zu erkennen geben, um von Betroffenen angesprochen zu werden.

30 Mentoren und Lernberater hat Mento bislang in NRW ausgebildet. Einer von ihnen ist Peter Trube, Betriebsrat bei Thyssen-Krupp Steel Europe (TKSE) in Duisburg. Anfangs sei er von Kollegen belächelt worden, erzählt Trube, denn nach deren Meinung gab es bei TKSE keine Analphabeten. Inzwischen denken sie anders.

Anonyme Beratung für Betroffene und deren Freunde bietet das Alfa-Telefon des Bundesverbandes Alphabetisierung (alfa-telefon.de): 0800 / 53 33 44 55

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